Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien

Der Name St. Stephanus steht stellvertretend für die Geschichte und das Leid unseres Volkes

Die Zahl der Aramäer stieg nun stetig und genau in dieser Zeit verließ uns Pfarrer Yusuf Harman und ging zurück nach Ahlen, um in der dortigen Gemeinde als Geistlicher die Seelsorge zu übernehmen. Meine Familie, bei der unterdessen meine Brüder mir nach Deutschland gefolgt waren, gingen mit ihm, so dass wir in Neubeckum ein Fünffamilienhaus bezogen, in welchem wir als Familie leben, in Ahlen Pfarrer Harman unterstützen und weiter in Gütersloh arbeiten konnten. Wir blieben von 1980 bis 1988 dort. Mein Bruder Simon zog ein Jahr vorher bereits nach Gütersloh und wir anderen zogen ein Jahr später nach.
Es hatten sich in der Zwischenzeit Gemeinden in Rheda-Wiedenbrück und in Paderborn gegründet und in Gütersloh war die Stelle seit dem Weggang Pfr. Harmans vakant. Seit 1985 hatte Pfr. Gök einen Teil der aramäischen Gemeinde übernommen und später die Gemeinde St. Maria an der Eichenallee gegründet.

Der andere Teil der aramäischen Gemeinde blieb seit dem Weggang von Pfr. Harman ohne Geistlichen, so dass Erzbischof Julius Jeshu Cicek, welcher mein Lehrer im Kloster Mor Gabriel gewesen war, mich dazu berief, der Pfarrer dieser Gemeinde zu werden.

Nach langem Hin und Her und einem gehörigen Schuss Überzeugungsrede von Seiten des Bischofs an meine Frau, folgte ich schlussendlich diesem Ruf und wurde von seiner Heiligkeit, Patriarch Moran Mor Ignatius Zakka I. Iwas in Damaskus zum Priester geweiht.

Gemeinsam mit Pastor Stegen und Hans Martin Linnemann, Präses der Evangelischen Landeskirche in Bielefeld, fuhren wir danach nach Holland ins Kloster zur Fastenzeit, um die Kontakte zwischen den Kirchen zu vertiefen. Sie gaben uns daraufhin das Versprechen, uns immer zu unterstützen. Herr Linnemann erhielt im Jahre 2012 für diese besonderen Verdienste die höchste zivile Auszeichnung der Syrisch-Orthodoxen Kirche, die St. Efrem Medaille durch die Hand von Bischof Julius Hanna Aydin in einem Festakt in der St. Stephanus Kirche Gütersloh.

Es fragen sich bis heute viele, wieso diese Kirche nach dem Heiligen Stephanus benannt ist. Bei der Einweihung des Saals im Februar 1988 kam ein Reporter und wollte in Erfahrung bringen, wie der Saal heiße. Ich entgegnete, dass er „Syrisch-Orthodoxer Saal“ hieße, aber das genügte dem Reporter nicht, sondern drängte mich solange, dass ich mich genötigt sah, einen Namen zu nennen. Ich zog den Bischof zur Seite und sagte: „Wir brauchen einen Namen. Welchen sollen wir geben? Wir als aramäische Christen sind seit 2000 Jahren verfolgt, unsere Ahnen sind Märtyrer und daher möchte ich den ersten Märtyrer als Namenspatron vorschlagen.“ „Das passt“, entgegnete der Bischof, und seitdem ist der Name dieser.
Heute blicke ich als Pfarrer auf 30 Jahre Gemeindegeschichte zurück. Wir waren von Anfang an im Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK) in Bielefeld ökumenisch vertreten und nun auch im Gütersloher Christenrat. Wir haben mittlerweile auch die alte Tradition aufgebrochen, dass der Pfingstgottesdienst der Nationen immer wechselhalber bei einer katholischen oder evangelischen Kirche stattfand und waren der erste Ausrichter außerhalb dieser beiden Konfessionen. Wir schauen auf die Gründung unserer ersten Religions- und Sprachschule (Madrashto) im Jahre 1976 zurück, die zunächst in der Ackerstraße, dann ab 1986 in der Hohenzollernstraße und schlussendlich ab 1988 weiterhin in der Hohenzollernstraße, aber an anderer Stelle bis heute weiterbesteht. Wir blicken zurück auf eine erfolgreiche Zeit, in der wir als Gemeinde wuchsen und uns festigten. Dieser Erfolg geht zu einem großen Teil auf die Unterstützung unserer Schwesterkirchen und den Menschen in Gütersloh zurück. Dafür möchten wir dieser Stadt danken.“