Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien

Wir haben in Gütersloh neue Freunde und eine Heimat gefunden

In der Sozialwissenschaft spricht man bei Migrationsbewegungen gerne von „chain-migrations“ (Kettenmigration). Dies bedeutet nichts weniger, als dass Migranten wie an einer Kette gezogen, Glied für Glied an die gleiche Stelle nachziehen, wie ihre Pioniere vor ihnen. Das hat heute zur Folge, dass es immer wieder zu Ballungen von bestimmten Migrationsgruppen in bestimmten Gebieten kommt. Beispiele dafür sind bekannt Stadtteile in den deutschen und europäischen Großstädten.

Wie kam es dann, dass ausgerechnet eher mittelgroße Städte wie Gütersloh, Södertälje (Schweden), Enschede (NL), Heidelberg, Heilbronn, Gießen, Gronau, Ahlen und so weiter zur neuen Heimat der Aramäer wurden?
Der Grund ist wieder in der Kettenmigration und dem Zeitpunkt der ersten Migrationsbewegungen zu finden.
In den 1970er und 1980er Jahren bot Gütersloh mit dem Bertelsmann Konzern kurzzeitig den größten Medienkonzern der Welt auf. Aber auch andere Industriezweige und Unternehmen boten gute Arbeitsmöglichkeiten, so z.B. Miele, Vossen und Wirus, um nur einige zu nennen. Auch das Gütersloher Umland war und ist immer noch eine wirtschaftsstarke Region.
So verschlug es einige Aramäer, die als Gastarbeiter angeworben wurden, auch in den Kreis Gütersloh.

In den Jahren 1971/72 konnte jeder dieser Gastarbeiter mit einer gültigen Arbeitserlaubnis einen jungen Menschen unter 18 Jahren nach Deutschland holen, der ebenfalls eine dreimonatige Arbeitserlaubnis erhielt, wenn für ihn gebürgt wurde.
So wurde auch unser Pfarrer Sleman Djallo (damals noch unter dem Namen Sabri Aydin und vor seiner Priesterweihe) nach Deutschland geholt, zu Anfang jedoch noch zu Verwandten nach Delmenhorst, in der Nähe von Bremen. Sein Onkel arbeitete dort bei Nordwolle, jedoch waren zu diesem Zeitpunkt nur drei aramäische Familien in Delmenhorst untergekommen.

Erinnerungen an die Anfangszeit
Pfarrer Sleman Djallo erinnert sich noch heute genau daran, wie er damals nach Gütersloh kam:
„Ich stellte in dieser Zeit eine Anfrage an die Arbeiterwohlfahrt mit Zuständigkeit für die Türkei und erhielt die Rückmeldung, dass ich nicht bleiben dürfe, sondern zurückkehren müsse. Glücklicherweise kannte ich jemanden, der in Rietberg bei NOSAG arbeitete. Dieser Mann, Lahdo Dag, teilte mir mit, dass er für mich bürgen würde, sollte ich mich dazu entschließen, in den Kreis Gütersloh zu kommen. Da ich ansonsten kaum eine Chance auf Bleiberecht hatte, griff ich nach diesem Strohhalm und machte mich auf den Weg nach Ostwestfalen.
Dort angekommen wurde ich an zwei Aramäer verwiesen, die in Gütersloh, bei der Möbelfirma Flicker im Elbrachtsweg, tätig waren. Diese Männer, Saliba Gündüz und Sabri Esen lebten damals im Firmenheim. Als ich dort ankam und sie sahen, dass ich mich mit den Deutschen auf Deutsch unterhalten konnte, fielen sie aus allen Wolken, da sie selber schon länger in Deutschland waren und durch die viele Arbeit die Sprache kaum erlernt hatten. Ein Portugiese namens Cruz fragte mich dann, woher ich denn so gut Deutsch gelernt habe. Ich entgegnete ihm, dass ich in den zwei Monaten, in denen ich in Delmenhorst gelebt hatte, das Buch „Wir lernen Deutsch“ immer und immer wieder durchgegangen bin, bis ich die grundlegende Grammatik und ein rudimentäres Vokabular erlernte. Dieser Cruz fragte mich dann, ob ich arbeiten wolle und als ich bejahte, brachte er mich zum Chef, dem schon sehr betagten Herrn Ernst Flicker. Cruz sagte zu ihm: „Kollega gut Arbeit.“ Daraufhin entgegnete Herr Flicker: „Ja,ja,ja – morgen, 8 Uhr.“ Das war mein erster Arbeitsvertrag.

In der Nacht konnte ich vor Freude kaum schlafen. Nach einer Weile kam mein Vorarbeiter, Herr Berger, und teilte mir mit, dass ich wegen meiner guten Arbeit nun 3,70 DM pro Stunde erhalten würde. Die Arbeit hatte es aber auch in sich. Sie war anstrengend und ich merkte, dass meine Gesundheit unter dem Einatmen der Lacke und anderer Stoffe litt. Trotz dieser Arbeitsumstände blieb ich aber wegen der damit verbundenen Aufenthaltserlaubnis und nach und nach besserte sich auch das Gehalt immer mehr.
Eines Abends kam Herr Zich, ein weiterer Vorgesetzter zu mir, und brachte mich draußen zu einem auf dem Feld stehenden Kotten. Er ging mit mir hinein und zeigte mir das Innere. Ein Bett, ein Spülbecken, eine Wanne. „Das ist jetzt dein Zimmer“, teilte er mir mit. Dann ging er mit mir raus und zeigte auf einen Holzverschlag. „Toilette.“ So blieb ich denn in den Jahren 1971 – 1977 bei der Möbelfirma, bis ich die Möglichkeit hatte, zu Bertelsmann zu wechseln. Das war ein himmelweiter Unterschied, sowohl vom Arbeitsplatz als auch vom Gehalt her. In der ganzen Zeit bin ich direkt nach dem Lohneingang zur Postbank gegangen, um Geld in die Heimat zu transferieren, mit welchem ich meine Familie unterstützte, die noch in der Heimat war.
Nach und nach kamen weitere Personen nach Gütersloh und Umgebung, weil sich rumgesprochen hatte, dass sich einige Aramäer dort ein Standbein aufgebaut hatten und sie auf die Unterstützung hoffen konnten. Ich selber habe 8 Aramäer bei Bertelsmann unterbringen können.

Mein Bruder Melki hatte bereits 1975 versucht, ebenfalls nach Deutschland zu gelangen. Er kam mit dem Zug, allerdings ohne Visa. In Jugoslawien wurde er von der Polizei aufgegriffen und festgesetzt. Ich erhielt einen Anruf aus meiner Firma, dass mein Bruder dran sei. Sofort machte sich ein Bekannter von mir, Circis Kilic, auf den Weg, um Melki doch noch nach Deutschland zu holen. Allerdings war Melki da bereits wieder auf den Weg zurück nach Istanbul geschickt worden, nicht jedoch ohne seine Uhr vorher gegen ein Mittagessen eingetauscht haben zu müssen.

Neue Hoffnung Asyl
1976 erhielten wir die Info, dass Asyl gewährt werden würde, wenn die Person religiös und politisch verfolgt sei. Wir suchten nach einem Anwalt und wandten uns in Gütersloh zunächst an Herrn Pauselius und später an Herrn Georg König, der sich im weiteren Verlauf auf die Asylverfahren von Aramäern spezialisieren sollte. Dieser Georg König ist wohl einer der Hauptgründe, warum es schlussendlich doch soviele Aramäer nach Gütersloh verschlagen hat und diese auch hier bleiben durften.
Eines Morgens erhielt ich einen Anruf von Herrn König „Es gibt eine Familie in Hannover, die unsere Hilfe braucht.“ Wir fuhren direkt zum Abflugterminal und Herr König schritt durch die Wartenden mit den Worten:
„Ich bin der Anwalt der Familie Coban“.
Unsere Info war, dass Herr Coban in zwanzig Minuten zurückmüsse.
„Wie haben sie Herrn Coban die Rechte verlesen?“, fragte er einen Beamten.
„Auf Türkisch“, erwiderte dieser.
„Das geht nicht. Wenn, dann müsste dies auf Aramäisch geschehen.“
„Was ist denn Aramäisch?“
Nach einer kurzen Erläuterung machte Herr König dem Beamten klar, dass ein aramäischer Dolmetscher dabei sein müsse.
„Wo sollen wir so einen denn jetzt herholen?“, entgegnete der Beamte entgeistert.
„Den habe ich mitgebracht.“
Nachdem ich Herrn Coban dann die Formalia erklärte konnte er mit Hilfe von Herrn König seinen Asylantrag stellen und blieb daraufhin in Deutschland.
Dieser Fall und die Info darüber, dass die Menschen von einem Georg König und einem Dolmetscher erfuhren, ließ viele Aramäer nach Gütersloh folgen. Dazu kamen noch die einzelnen Verwandten, die schon hier waren.

Neben Gütersloh war Delbrück eine Anlaufstelle für Flüchtlinge, die ab 1976 vermehrt aus dem Tur Abdin kamen. Karl Wulf aus Schöning, selber Gefängnisinsasse während der NS-Zeit, nahm sich den Menschen an und besorgte ihnen Arbeitsstellen bei NOSAG.
Er gründete einen Verein, dessen Namen mir entfallen ist, um diese Menschen zusammenzuhalten.
Es gab zudem einen indischen Studenten aus Köln, der Neuankömmlingen in der Ackerstraße in Gütersloh Deutschunterricht gab. Ich selber unterrichtete mehrmals drei Monate lange Kurse für Neuankömmlinge. Dann eröffneten wir eine aramäische Schule in der Ackerstraße. Darauf folgte die Gründung des Aramäischen Jugendvereins St. Gabriel 1979. Wir hatten mit Yusuf Harman auch einen Geistlichen, der jeden Sonntag in einer anderen evangelischen Kirche Gottesdienste abhielt. Er hatte mit mir und meinen Brüdern und einigen anderen zum Glück noch einige Diakone hier. Wir erhielten zudem eine Menge Unterstützung der Schwesterkirchen, insbesondere durch Pastor Stegen, abgeordnet von der Evangelischen Landeskirche für die Belange der syrisch-orthodoxen Christen und Pfarrer Eppelt von der katholischen Kirche Blankenhagen, weil in diesem Stadtteil besonders viele Aramäer und andere Migranten wohnten.
Von Anfang an gab es eine starke ökumenische Zusammenarbeit und der Pfingstgottesdienst der Nationen wurde jedes Jahr gemeinsam begangen.
Persönlich bin ich Pfarrer Alfons Wilper von der Christ-König Kirche zu Dank verpflichtet, da er mir damals die Arbeitsstelle bei Bertelsmann vermittelt hatte.